Abschied vom Beruf

 

Ist es für die meisten jungen Menschen ausschließlich eine große Freude, nach Kindheit, Schule und Ausbildung, nun mit dem Eintritt in das Berufsleben vollends in der Welt der Erwachsenen angekommen zu sein und mit dem ersten selbst verdienten Geld Selbständigkeit und Unabhängigkeit zu gewinnen. Auf der anderen Seite ist es nicht nur Freude, wenn man nach Jahrzehnten im Beruf dann „endlich“ die Rente erreicht hat. Auch wenn man finanziell für diese Zeit vorgesorgt hat, ist es für viele eine große Umstellung, wenn man nach Jahren voller Hetze, Stress und Terminen, plötzlich völlig frei ist. 

Kommen einem die ersten Wochen noch wie ein verlängerter Urlaub vor, merkt man nach einiger Zeit, dass es mehr ist. Es ist ein grundlegend neuer Lebensabschnitt. Keine Kunden rufen mehr an, die Anrufe von Kollegen und Vorgesetzten werden immer seltener und plötzlich merkt man, nachdem man sich oft für unersetzlich gehalten hat, dass man erfolgreich ersetzt worden ist. 

Dies sollte ein Grund zur Freude sein. Man hat seinen Arbeitsplatz so übergeben, dass die Nachfolger ihre Arbeit ordentlich und erfolgreich machen können, die Kunden zufrieden sind und man bei den Kolleginnen und Kollegen in guter Erinnerung bleibt. Ab und zu kommt ja doch mal ein Anruf: „Sagen Sie mal, wie war das eigentlich damals als… ?“. Man kann sich dann zurücklegen, grinsen und genießen, dass man den Kollegen doch wieder mal helfen konnte. 

Absolut kontraproduktiv ist es jedoch, wenn man aus dem Ruhestand heraus aktiv versucht, überzeugt von der Richtigkeit der eigenen Meinung und Fachkompetenz, Kunden, die man oft jahrzehntelang betreut hat, auch weiterhin zu beraten. Man ist gar nicht mehr auf dem neuesten Stand der Bedingungen und Änderungen beim alten Arbeitgeber. Es ist unfair gegenüber den Nachfolgern und schädigt langfristig das eigene Ansehen.  

Das Genießen des Ruhestandes hängt auch damit zusammen, ob es gelungen ist, eine sinnvolle Gestaltung der nun freien Zeit zu erreichen. Dem einen genügt es einfach auszuruhen, der andere will reisen, der nächste will auch weiter mit anpacken, gestalten und engagiert sich in Vereinen oder wohltätigen Organisationen. Hier kann und soll jeder seine individuellen Möglichkeiten finden und gestalten. Darüber sollte man sich aber schon rechtzeitig vor dem Erreichen des Ruhestandes Gedanken machen, damit man gar nicht erst in das Loch fällt: „Was kann ich denn nur tun? Mir ist so langweilig.“

Am besten aufgehoben ist man meist in einer Gemeinschaft, wie sie auch die Kirchengemeinde bietet. Hier freut man sich über alle, die mit anpacken und gestalten wollen. Unabhängig vom Alter!

Hubert Marx