„Das hab´ ich mir verdient!“

Wieviel Gerechtigkeit leisten wir uns?

Sich was leisten können, sich selbst belohnen, sich selbst was gönnen – das sind Merkmale eines gelungenen Lebens in unserer Zeit. Wer engagiert arbeitet, wer Stress auf sich nimmt, der will auch etwas davon haben. Leistung soll sich lohnen. Der Blick auf alle, die es trotz vieler Arbeitsstunden in unserem Land nicht schaffen, über das Nötigste hinaus etwas zu verdienen, und erst Recht der Blick auf diejenigen, die in fernen Ländern für Billigstlöhne arbeiten, stellt den Satz: „Das hab´ ich mir verdient“ in ein anderes Licht.  Was ist der Maßstab für ein Leben, in dem Gerechtigkeit als Wert einen wichtigen Platz hat? 

Christlich gesehen kann es nie nur darum gehen, einfach sich selbst gerecht zu werden.  „Das hab´ ich mir verdient“ ist eben auch ein Satz der Selbstberuhigung darüber, wie ungerecht unsere Möglichkeiten sind, sich etwas zu verdienen. Und wie schwer es uns fällt, anderen etwas  zu  gönnen, indem es uns mehr kostet: bessere Bezahlung von Pflegekräften, höhere Preise für Lebensmittel, damit die Bauern hier und in den Herkunftsländern davon leben können. Der Anreiz in unserer Gesellschaft, möglichst viel Materielles zusammenzuraffen in der Hoffnung, sich damit zu belohnen oder Sicherheit zu schaffen, taugt nicht zur Gerechtigkeit. Gerechtigkeit hängt davon ab, wie gut es uns gelingt, maßvoll zu leben. Wir sind längst an ein Übermaß von Konsum gewöhnt: Kleidung, Unterhaltungselektronik, Mobilität – das alles darf viel Geld kosten. Lebensmittel dagegen sollen für kleinstes Geld zu haben sein. Und wer das Geld nicht verdienen kann für diesen Konsum, der zählt bald zu den „abgehängten sozialen Schichten“.  Gerechtigkeit setzt eine andere Haltung voraus: die Bereitschaft, nicht  für sich selbst  das Meiste, das Beste herausholen zu wollen. Von biblischer Seite wird dazu gerne das Gleichnis vom reichen Kornbauern erzählt, der sich Vorräte um Vorräte anhäuft und dann über Nacht stirbt und nichts davon hat (Luk 12,13-21). Wer es liest, merkt, dass in den ersten Zeilen siebenmal das Wort „Ich“ vorkommt.  Solange das Ich im Mittelpunkt des Handelns steht, kann Gerechtigkeit nicht stark werden.  Gerechtigkeit hat einen anderen Ausgangspunkt, der aus den jüdischen Geboten und dem christlichen Anknüpfungen daran kommt. Die Menschenrechtskonventionen der UNO fußen darauf. Das Einlösen dieser Lebensgrundrechte auch unter den  Armen und Schutzlosen ist Mittelpunkt und Maßstab der Gerechtigkeit. Das muss ich mit einrechnen, wenn ich  mir sage: „Das hab´ ich mir verdient!“

Ursula Trippel